Pure Revolution

21 November 2015
Love it!

Nachdruck eines am 21.11.2015 in der flämischen Tageszeitung De Standaard erschienenen Artikels

Fons Van Dyck

Du bist, was du isst. Was jeden Tag auf unseren Teller kommt, sagt viel darüber aus, wer wir sind oder was uns im Leben antreibt. Seit einigen Wochen steht bei mir zu Hause regelmäßig ein Rezept aus den Kochbüchern von Pascale Naessens auf dem Menüplan. Und ich bin wirklich nicht der einzige. Die Bücher von Naessens laufen dem Kochbuch von KVLV demnächst den Rang ab. Naessens hat eine wahre Bewegung in Gang gebracht, bei der Menschen beim Essen wieder genießen dürfen, gesünder werden und auch noch abnehmen. Und das mit durchschnittlich 20 Minuten Vorbereitung. Naessens ist ein Phänomen. Und das ohne den Einsatz von vielen Marktstudien. Von VTM wurde sie mal als dumm verlacht und ein angesehener Verleger wie Lannoo lehnte ihr erstes Manuskript ab. Ein Fernsehkoch ist sie auch nicht. Pascale ist vor allem das Mädchen von Nebenan, ohne Mätzchen und Starallüren. Absolut authentisch und ein wenig anti-establishment mit einem femininem Touch.

Ist dies kein Hype und scharen wir uns im kommenden Jahr auf der Büchermesse nicht wieder um ein anderes Kochbuch? Die Zukunft wird es zeigen. Aber, was ich sicher weiß, ist, dass der massive Beifall für Naessens, unabhängig von Marketing und Medien, sich auf eine fundamentale gesellschaftliche Bewegung stützt. In einer globalisierenden Welt, die sich immer bedrohlicher anfühlt (vom 9/11 bis Charlie Hebdo und vergangene Woche Bataclan), sind Menschen bereits seit Beginn dieses Jahrhunderts auf der Suche nach Reinheit, Einfachheit und Unverfälschtheit. Es ist eine Abrechnung mit einer Welt des materiellen Überflusses, mentaler Exzesse und schlechter Gewohnheiten und es fühlt sich wie eine Reinigung an. In vielen Fällen entscheiden Menschen selbst über ihr Leben. Ganz bestimmt, wenn es um Nahrung und Gesundheit geht. Wir ernähren uns jeden Tag, somit ist es auch der Punkt, an dem wir am schnellsten umschalten und nachsteuern können. Das sind wortwörtlich die Aussagen aus dem Kapitel über „Reinheit“ in meinem Buch „De kracht van wit“ [Die Kraft von Weiß], von 2009, unter dem Eindruck der Bankenkrise, die zu einer weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise führte. Eine Krise, die laut einigen Menschen auch eine Gewissenskrise war. Ich weiß nicht, ob Pascale Naessens mein Buch gelesen hat. Und ich verstehe auch nichts vom Kochen, aber die Philosophie hinter ihren Rezepten schließt doch nahtlos daran an. Und da es um fundamentale menschliche Triebfedern geht, braucht man sich über ihren Erfolg absolut nicht zu wundern. Es bestehen große Chancen, dass die neuen Generationen lernen, anders zu kochen, zu essen und zu denken.

Ein Kollege fragte mich Anfang der Woche, ob ich in vorliegender Kolumne über den Terrorismus und die Angstpsychosen, die uns inzwischen beherrschen, schreiben werde. Nun, diese Kolumne steht absolut im Zusammenhang mit der grausamen Welt um uns herum. „Pur essen macht dich glücklich“ ist der Untertitel eines der Bücher von Pascale Naessens.

Menschen sind auf der Suche nach ein bisschen Glück. Sie finden es leider immer weniger in der Außenwelt, aber wohl im Zusammensein mit Familie und Freunden rund um einen schön gedeckten Tisch. Es sind unsere letzten Sicherheiten.

Pascale Naessens sorgt nicht für grelle Schlagzeilen, aber sie ist wohl der Katalysator einer stillen Revolution, die sich fast geräuschlos, aber darum nicht weniger tiefgreifend vollzieht. In den Köpfen, aber auch vor allem in den Ernährungsgewohnheiten von hunderttausenden Familien in Flandern. Es ist ganz bestimmt eine Übertreibung, aber Pascale Naessens ist für die Nahrungsmittelindustrie genau so disruptiv wie Airbnb und Uber in ihren Branchen. Für die stark gebeutelte Nahrungsmittelindustrie ist es eine Frage der schnellen Anpassung an den Zeitgeist oder des baldigen Überlebt-Seins. Es ist eine Industrie, die am besten die Signale von Verbraucherorganisationen, wie Test-Achat, ernst nimmt, wenn die die Fastfoodketten dazu auffordern, kein Fleisch mehr zu kaufen von Tieren, die routinemäßig Antibiotika verabreicht bekommen. Einige haben das bereits begriffen, für andere ist es noch nicht zu spät. Pur ist die neue Norm.

 

* Den Niederländischen Artikel finden Sie nachstehend als herunterladbare PDF.

'Es bestehen große Chancen, dass Pascale Naessens die neuen Generationen lehrt anders zu kochen, zu essen und zu denken'